Thies Schröder

Vorstand im Forum Rathenau e.V.
Geschäftsführer Ferropolis – Stadt aus Eisen, Museum und Events, Industriedenkmal und Stahlskulptur im ehemaligen Tagebau Golpa-Nord sowie Vorsitzender der Energieavantgarde Anhalt e.V., Vizepräsident der IHK Halle-Dessau

Ferropolis wurde 1997 gegründet. Es entstand in einem kulturellen Transformationsprozess. Studierende des Bauhaus Dessau haben Ferropolis erdacht. Ergebnis war eine Diplomarbeit, deren Entwurf im Büro von Schröder steht. In der Bauhaus-Werkstatt „Industrielles Gartenreich“ wurden seit 1991 Impulse für Transformationsprojekte in der Region gesucht – und diese im Rahmen der Bergbausanierung begonnen.

Studierende setzten sich mit dem Tagebau Golpa Nord auseinander und eigneten sich diesen kulturell an. Der ehemalige Tagebau war stillgelegt und wurde vom Wachschutz kontrolliert. Die Bagger waren in dieser Schlussphase im Tagebau verteilt.

„Mich interessiert die Prozessualität.”

Aus dem Wunsch der Studierenden, die Bagger zu erklimmen, und den Handlungen der ehemaligen Bergleute, die für das Gelände verantwortlich waren, entstanden im Aushandlungsprozess Projekte wie Tagebauspaziergänge, die Idee, die Bagger zu erhalten und die Vision eines Cafés auf dem Bagger.

Aus den ursprünglichen Gegensätzen wurden gemeinsame Ziele, die heute weitgehend umgesetzt sind, lässt der Geschäftsführer die damaligen Ereignisse Revue passieren. Es entstand ein Konzept zur kulturellen Neu- und Nachnutzung. So wurde Geld zum Verschrotten der Geräte kurzfristig zum Erhalt der Bagger umgewidmet. Ferropolis wird ostdeutscher Beitrag zur EXPO 2000 Hannover. Das Gelände wird im Jahr 2000 neu geöffnet.

„Orte entwickeln sich nicht aus sich selbst heraus.”

Der studierte Landschaftsarchitekt Schröder sieht das Projekt „Industrielles Gartenreich“ als Beispiel für einen Diskurs, der überregional, auch international stattfindet, und auf regionaler Ebene verankert ist. Die Ideen sind durch Handlungen vor Ort wahr geworden. „Mich interessiert die Prozessualität“, sagt Schröder. Das Forum Rathenau sieht er als Forum für Diskurse, die regional Gestalt annehmen können.

Als Geschäftsführer von Ferropolis hat er zudem das Interesse, beide Standorte gemeinsam industriekulturell zu vermitteln. Jeder lebendige Industriekulturort benötige neben seiner Geschichte gegenwärtige und zukunftsweisende Themen. Was für Ferropolis die Event-Besucher:innen, sind für Zschornewitz und Bitterfeld-Wolfen die Wissenschaftler:innen.

“Orte erzählen eine Geschichte, ihr Geist ist spürbar.”

Gäste in der Kulisse des Braunkohlezeitalters und Ideengebende für die postfossile Zukunft, für ein resilientes Zeitalter des Anthropozäns. „Orte entwickeln sich nicht aus sich selbst heraus“, sagt der 56-Jährige bei einer Tour über das Ferropolis-Gelände auf dem 2000 Tonnen schweren Absetzer „Gemini“ mit Blick auf den Gremminer See, der die einstige Wüste des Tagebaus bedeckt. „Aber sie erzählen eine Geschichte; der Geist der Orte ist spürbar“, sagt Schröder an einem Ort, der genau diesen Geist in sich trägt, und die Geschichte erfahrbar werden lässt.