Prof. Dr. Ralf Wehrspohn

Vorstandsvorsitzender im Forum Rathenau e.V.
Institut für Physik, Fachgruppe für Mikrostrukturbasiertes Materialdesign an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Gründungsgeschäftsführer des Deutschen Lithium Institut ITEL

Ralf Wehrspohn hält einen in Plastik verpackten Aprikosenquark in der Hand und sagt: „Da stimmt etwas nicht!“. Auf dem Plastikdeckel des Milchprodukts aus dem Supermarkt-Kühlregal klebt ein in Plastikfolie eingeschweißter Holzlöffel. „Ich sehe mir gerne die Produkte an, die im Supermarkt angeboten werden“, sagt der Physikprofessor der Universität Halle-Wittenberg.

Der Materialmix sei das Ergebnis der EU-Gesetze für ein Verkaufsverbot von Einweg-Kunststoffartikeln, so der Wissenschaftler weiter. Aber so funktioniert es nicht. „Wir – das Forum Rathenau – wollen Lösungen anbieten, die funktionieren“, so Wehrspohn.

„Kohlenstoff neu denken.“

Er möchte, dass der Blickwinkel auf das Thema Kohlenstoff, das heute nur negativ betrachtet wird, im Sinne der Nachhaltigkeit breiter wird: „Wir Menschen bestehen zu 25 Prozent aus Kohlenstoff“, sagt der Experte für Werkstoffforschung und betont die Vielseitigkeit des Materials. „Kohlenstoff neu denken“ ist das Anliegen des Wissenschaftlers, dessen Interesse für Physik und erneuerbare Energien in jungen Jahren durch die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl angetrieben wurde.

Das Thema Kohlenstoff soll aus drei Perspektiven betrachtet werden: Forschung, Wissenschaftskommunikation und Industriekultur. Für die Forschung sind die Bereiche Wiederverwertung, äußere Natur und die stoffliche Nutzung von Kohlenstoff im Zeitalter des Anthropozän relevant. Das Material Kohlenstoff ist in Stoffkreisläufen zu finden, erläutert der Physiker: Menschen, die nach ihrem Tod eingeäschert werden, und Recyclingprozesse.

Die Wiederverwertung im Rahmen der Recyclingprozesse kann als Recycling oder Downcycling stattfinden. Je weiter sich der Umnutzungsprozess vom Ausgangsmaterial entfernt, umso weniger Informationen vom Grundstoff sind noch enthalten, sagt Wehrspohn. „Wir denken in Werkstoffen oder Elementen“, so Wehrspohn, der kürzlich das Lithium-Institut (ITEL) in Halle (Saale) mitgründete und dessen Geschäftsführung innehat.

„Wir wollen keine Verbote.”

Auch hier geht es um Nachhaltigkeit, nämlich um die Produktion von Lithiumhydroxid für die Batterieproduktion von Elektromobilen. In den vergangenen Jahren hat er sich viel mit Wasserstoff befasst. Wasserstoff als Speichermedium ist sehr eng mit Kohlenstoff verwandt.

Wo ist Kohlenstoff enthalten? Dies ist eine Fragestellung, die im Rahmen der Wissenschaftskommunikation beantwortet werden soll. Formate hierzu sind das Schülerlabor im Technologie- und Gründerzentrum des Chemieparks Bitterfeld und die Diskussionsrunde Carbon Cycle Culture Club C4, die jeden vierten Donnerstag im Monat im Kraftwerk Zschornewitz stattfindet.

Durch das Finden einer gemeinsamen Sprache der Beteiligten aus unterschiedlichen Bereichen wie Forschung, Wissenschaft, Schulen, Kultur und Industrie soll der Erkenntnisstand vorangetrieben werden, neue Denkansätze entstehen.

„Wir wollen Lösungen aufzeigen, wie es eben doch geht.“

Ralf Wehrspohn erläutert die Pläne der Vorstände des Forum Rathenau bezüglich des Bereichs Industriekultur. Sie wird beispielsweise durch die Arbeit der Kraftwerkssenioren erlebbar. Das Gelände und der Standort Zschornewitz soll entwickelt werden, erläutert Wehrspohn. Es soll die Möglichkeit für Forscherteams geben, dort im ehemaligen Verwaltungsgebäude sowie im Chemiepark Bitterfeld zu arbeiten.

Außerdem soll die Bahn, die einst die Kohle aus der Grube Golpa Nord zum Kraftwerk Zschornewitz transportierte, wieder in Betrieb genommen werden und so die Standorte Kraftwerk Zschornewitz und Ferropolis verbinden, um beispielsweise die melt!-Festivalbesucher mittels „Challenges“ für die wissenschaftlichen Fragestellungen rund ums Kraftwerk zu interessieren.

„Wir wollen keine Verbote“, sagt Professor Wehrspohn, sondern Lösungen aufzeigen, „wie es eben doch geht“. Lösungen, die praktikabel und sinnvoll sind, die nicht am Ziel vorbei gehen, wie ein in Plastik eingeschweißter Holzlöffel zur Plastikvermeidung.